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Wanderklassiker durch den Schwarzwald:
Der Westweg

Einleitende Worte

Der Schwarzwald. So nah und so unbekannt. Warum in die Ferne schweifen, wenn das Glück doch so nah liegen kann? Was weiß ich denn vom Schwarzwald, außer dass da viele Bäume stehen und er etliche Höhenmeter bereit hält? Diese Wissenslücken, gepaart mit einer aufkeimenden Abenteuerlust auf den Spuren der Schwarzwaldwanderpioniere Philipp Bussemer und Julius Kaufmann zu wandeln, auf deren Betreiben hin der Westweg im Jahre 1900 als Deutschlands erster Fernwanderweg ins Leben gerufen wurde, trieben mich an. Mittlerweile ist der Westweg in den Stand derer gehoben wurden, die das Prädikat "Qualitätswanderweg Deutschland" erhalten haben. Das Siegel weist Wanderwege aus, die standardisierten Kriterien in verschiedensten Kategorien wie durchgängige Beschilderung, ÖPNV-Anschluss, Abwechslungsreichtum der Strecke, kulturellen Highlights etc. entsprechen und dadurch objektiv vergleichbar werden.
Es war aber schnell klar, dass eine "komfortablere Variante", also dem Nächtigen in Gästehäusern inklusive der Annehmlichkeiten wie Frühstück + Abendessen und fließend warmem Wasser nicht in Betracht kommen würde. Um den Pioniergeist der Erkunder ganz nahe zu kommen, entschied ich mich für die Übernachtung in Schutzhütten - wohlwissend der damit verbundenen nicht unerheblichen Steigerung des Lastgepäcks. Ein bisschen Qual muss sein😜 Natürlich ist diese Art der Wanderung immer noch weit weg von den historischen Leistungen der beiden, mussten sie doch damals neben der (mit Sicherheit) minderen Qualität des Equipments auch noch Fotoapparate inkl. schwerer Glasträgerplatten mit sich rumschleppen, die das Volumen eines heutigen 50+10 Hiking-Rucksacks wohl locker gesprengt hätten. Ich bin Gott froh über mein Smartphone😄. So blieb im Rucksack mehr Platz für Equipment (hier eine Packliste )
Wer darüber hinaus ausführliche Informationen über Standort und Art der Schutzhütten erhalten möchte, sei auf diese Homepage verwiesen. Ein Dank an den Ersteller für diese aufwändige Arbeit!

Etappe 1: Pforzheim - Weithäusleplatz 1.11.2018

6 Grad, wolkenverhangen und leicht verkatert. Perfekte Startvoraussetzungen also.
Die Anfahrt mit der Bahn zum Startpunkt in Pforzheim verlief problemlos. Die ersten paar Kilometer durch die Innenstadt schenkte ich mir, daher war der Start erst in Dillweißenstein. Der Westweg schlängelt sich von dort an gemütlich und steigungsfrei an der Enz entlang, wo er erst in Neuenbürg (mit schönem Schloss auf Hügel) an Höhe gewinnt - aber da sichtlich. Das fiese ist: Man muss vom Schloss wieder runter an die Enz nur um dann festzustellen, dass man die eben beim Abstieg verlorenen Höhenmeter sofort beim nächsten knackigen Anstieg wieder dazugewinnt. Oben angekommen sei ein Durchschnaufen erlaubt. Alsbald wird mit leichter, aber stetiger Steigung Straubenhardt und die Schwanner Warte erreicht, dem ersten nenneswerten und schönen Ausblickspunkt des Weges. Von hier hat man einen schönen Ausblick auf die nordwestlichen Ausläufer der Rheinebene (Karlsruhe und Philipsburg). Ab hier taucht der Weg nun in die dunklen Mischwälder des Schwarzwaldes ein. Der Kurort Dobel wird nach einigen Kilometern erreicht (bietet sich für eine Übernachtung in einem Gästehaus an). Die Schutzhütte am Weithäusleplatz ist von hier nur noch ein Katzensprung. Es galt die Vorräte aufzufüllen (die öffentliche Toilette im Museum direkt neben dem "Sonnentor Dobel" eignet sich hervorragend dafür) um die letzten 5km anzugehen.
Als es endlich geschafft war, löste das Erreichen der Hütte trotz der Einfachheit (3 Wände, 1 Dach und 1 offene Seite) tiefe Freudengefühle😊 aus. Die Hütte wurde von mir allein in Beschlag genommen, was angesichts der Jahreszeit und der äußeren Temperaturen nicht weiter verwunderlich war. Der Rucksack wurde geplündert, das Proviant lächelnd gesichtet und entschieden, dass es heute Bulgur mit Sauce gibt (wie vermutlich morgen auch😁). Es wurde rasch kühl, der Wind pfiff, nur kurz gab die immer stärker zuziehende Wolkendecke einen Blick auf den sternengespickten Himmel preis, bevor es dann heftig anfing zu regnen. Gerade noch mal rechtzeitig schoss es mir durch den Kopf... ebenso rechtzeitig wie den Schlafsack und Isomatte auszubreiten. Das Sandmännchen kommt hier oben auf 832m NN übrigens ziemlich früh. Halb 9 war Schicht im Schacht. Streckenprofil
Neuenbürg Neuenbürg
Sonnenuntergang Sonnenuntergang: Dafür lohnt es sich
Weithäusleplatz Weithäusleplatz

Etappe 2: Weithäusleplatz - Kaltenbronn - Wegscheidhütte 2.11.2018

Morgenstund hat Gold im Mund. Eigentlich kann mich dieses Sprichwort mal gern haben. Aber sowas von. Hier oben aber inmitten unberührter Natur, wo sich im frühen Morgengrauen weit und breit kein andere Menschenseele hinverirrt, beginnt der Tag mit einer ungewohnten Dynamik. Zack. Es wird das Nachtlager zusammengepackt. Zack. Es wird eine (Katzen-)Wäsche durchgeführt. Maßvoll wohlgemerkt. Zack. Schon sitzt der Rucksack auf dem Rücken. Nicht mal 8 Uhr. Elan ist da. Muss wohl Vorfreude auf das Kommende sein.
Zurecht wie sich auf den ersten Kilometern herausstellten sollte: Die Ausblicke an den Hütten Draberg, Hahnenfalz, Schweizerkopf und dem Rastplätzchen mit dem vielversprechenden Namen "Traumblick" (kein Euphemismus - völlig zurecht!) rauben einem jeglichen Atem. Bis tief in die Rheinebene, auf die Vogesen und in den Kraichgau kann vor hier aus geblickt werden. Perfekte Plätze um eine erste kurze Rast einzulegen oder, wie ich, das Frühstück einzunehmen.
Derart gestärkt ließ die erste Siedlung des Tages, Kaltenbronn, nicht lange auf sich warten. Merklich füllten sich nun die Wanderwege mit Tagesausflüglern, die sich auf den zahlreichen und gut ausgeschilderten Wanderwegen zu tummeln begannen. Wer wie ich Kaltenbronn zur Mittagszeit erreicht, kann im kleinen Weiler eine kurze Rast einlegen. Gasthäuser laden zum Mittagessen ein.
Der weitere Weg führte am Kaiser-Wilhelm Turm (oder auch Hohenloher Turm) vorbei, bot vom kleinen Aussichtspavillon am Latschigfelsen eine prächtige Aussicht auf das Murgtal und endete schließlich nach einem eher gelenkunfreundlicheren Abstieg an Streuobstwiesen vorbeiführend in Forbach. Hier liegt direkt am Westweg ein Discounter und nach der unverkennbaren Holzbrücke, die, neben der imposanten und von weitem gut sichtbaren Kirche St. Johannes Baptista, das Wahrzeichen Forbachs ist, ein Dönerladen. Wessen Tagesziel nicht Forbach ist, dem sei angesichts der nun bevorstehenden Strapazen empfohlen, über eine kleine Rast nachzudenken. Auf den nächsten 4 Kilometern gilt es satte 500 Hm zu meistern. Wer die auf 732m liegende Wegscheidhütte als sein Tagesziel auserkoren hat, darf in einer der komfortableren Unterkünfte des Westwegs nächtigen, denn die Schutzhütte bietet auf zwei Geschossen Sitz- und Essgelegenheiten (unten) sowie einen windgeschützten Schlafensbereich (oben; erreichbar über eine Eisenleiter). Zack. Und plötzlich sind alle Strapazen des Tages vergessen, denn so viel "Luxus" hatte ich bei Weitem nicht erwartet😃 Streckenprofil
Traumblick "Traumblick"
Kaiser-Wilhelm-Turm Kaiser-Wilhelm-Turm / Hohenloher Turm
Draberghütte Draberghütte
Pavillon am Latschigfelsen Pavillon am Latschigfelsen
Ziel: Wegscheidhütte Ziel: Wegscheidhütte;
Schlafensgemach im OG Schlafgemach im OG

Etappe 3: Wegscheidhütte - Badener Höhe - Mummelsee 3.11.2018

Königsetappe. Drei 1.000er standen heute auf dem Programm. Den Einstieg, und gleich mit dem quälendsten Anstieg aufwartend, machte dabei die Badener Höhe mit 1.002m. Ihr vorgelagert ist der Seekopf, an dessen Gipfel der Schwarzwaldverein der Ortsgruppe Baden-Baden dem Westweg-Pionier Philipp Bussemer zu Ehren eine Gedenktafel errichtete. Hübsche kleine Erinnerung an diese Meisterleistung und weiter rundum-Blick vom Friedrichsturm. Dafür ganz schön zugig und zapfig hier oben⛄. Das Müsli fand daher heute besonders schnell seinen Weg in den Magen😁
Als Geheimtipp der drei Gipfel würde ich den als nächstes auf der Route liegenden Hochkopf (1.036m) bezeichnen. Zugegeben, die Aussicht und das Gipfelplateau selbst sind nicht ganz so eindrucksvoll wie selbige auf der Hornisgrinde, doch dafür hat man den Gipfel fast für sich allein. Im Gegensatz zur touristisch gut erschlossenen und daher überlaufenen Hornisgrinde, herrscht am Hochkopf fast dorfähnliche Stille. Nur der kräftige Wind zerzaust das Haar und trägt die eigenen Gedanken so schnell fort wie die Wärme des Körpers. Aus Informationstafeln geht hervor, dass zur Weidezeit im Frühjahr/Sommer hier oben, wie schon seit Jahrhunderten, traditionell Schafherden grasen. Das dient der Aufrechterhaltung des für diese Grindengipfel charakterischen kargen Bewuchses. In früheren Jahrhunderten waren saftige Wiesen Mangelware, weswegen die hoch gelegenen Grinden (= kahler Kopf) als Weideland genutzt wurden. Diese Landschaftsform ist definitiv eine Seltenheit!
Nach einem kurzen und leicht abschüssigen Stückchen bis zum Weiler Hochkopf/Unterstmatt wandt sich der Weg nun unaufhörlich und teils mit recht steilen Passagen dem höchsten Gipfel des nördlichen Schwarzwalds entgegen, der Hornisgrinde (1.156m). Zugegeben, die vielen Menschen haben mich nach drei Tagen der Entspannung und des allein-seins fast ein wenig irritiert, auch meinte ich abfällige Blicke und gerümpfte Nasen bemerkt zu haben (was nach minimaler hygienischer Versorgung nicht ganz verwunderlich wäre😂), doch das Gefühl des geschafft-zu-habens war überwältigend. Klar, es waren nur drei Tage, es war in Deutschland, die Anbindung mit öffentlichen Verkehrsmitteln war flächendeckend gegeben und die Heimat in Karlsruhe in Sichtweite. Nichtsdestotrotz durchfuhr mich ein kleiner Anflug von Stolz auf diese Leistung, ist es doch nicht alltäglich mit dem Allernötigsten auf dem Rücken 80km zu wandern. Gerade die kühlen Temperaturen bereiteten mir immer wieder Sorgen und teils schlaflose Stunden.
Apropos Schlaf. Nach der Abreise mit Bus&Bahn freute ich mich tierisch auf mein eigenes Bett und eine ordentliche Mütze Schlaf. Natürlich nach einer laaangen heiße Dusche. Streckenprofil
Gedenkstein Philipp Bussemer Gedenkstein
Vom Friedrichsturm auf der Badener Höh Vom Friedrichsturm auf der Badener Höh
Grindenlandschaft am Hochkopf Grindenlandschaft am Hochkopf
Hochkopf Hochkopf
Hornisgrinde Hornisgrinde
Mummelsee Mummelsee

Fazit

Wasser, Bett, Kühlschrank, Dusche. Mehr braucht man nicht um die Grundbedürfnisse zu decken. Das wurde mir wieder auf dieser Reise bewusst. Uns geht es gut. Das sollten wir uns immer wieder vergegenwärtigen. Besonders uns Menschen in fester Anstellung in Deutschland. Wir haben so viel und finden doch immer irgendetwas um zu murren, zu zaudern, zu hadern oder zu grummeln. Es ist nicht unbedingt das dicke Bankkonto oder die reichlich gefüllte Freizeit, die uns das sehnlichst erwartete Glück verschaffen. Manchmal ist es die (Rück)Besinnung auf die wesentlichen Merkmale, die Einkehr und der einfache Stolz etwas selbst organisiertes und aus eigener Kraft erreichtes, geschafft zu haben. Ich zehre beispielsweise noch einige Wochen danach von dieser Reise. Bestimmt kannst Du das auch - jeder auf seine eigene Weise😉
Ansonsten bleibt nur zu sagen: Ich würde es jederzeit wieder tun!