Gemeinsam einsam - oder die Erkundung der Welt ♂ + ♀

Logo-Bild

Auf den Spuren der Tour de France-Sieger
- Legendendäre Alpenpässe mit dem Rennrad -

Einleitende Worte

Col du Galibier, Col de la Madeleine und allen voran Alp d'Huez. Klangvolle Namen, die jedes Rennradfahrerherz höher schlagen lassen. Mein Herz wurde in den späten 90ern und frühen 2000ern durch die legendären Duelle von Jan Ullrich und Lance Armstrong geprägt, wie sie Seit an Seit einen Mitstreiter nach dem anderen aus der Führungsgruppe dezimierten und gemeinsam, meist mit dem besseren Ende für den Amerikaner, an den Passspitzen der Ehrenkategorie ankamen. Dass diese Leistungen oftmals unter zuhilfenahme illegaler leistungssteigender Substanzen geschahen, wusste damals noch niemand. Die Aufarbeitung der Geschichte brachte zum Teil verstörende Erkenntnisse über illegale Machenschaften und florierende Systeme ans Tageslicht. Hüben wie drüben wurde kreativ mit allerlei Mitteln umgegangen. Ich unterstütze die Einnahme verbotener Substanzen keinesfalls, doch herrschte letztlich durch den weit verbreiteten Gebrauch dieser Substanzen de facto ein Wettkampf unter gleichen Bedingungen. Und dieser war enorm spannend mit anzusehen. Meine Begeisterung war geboren: Der Berg ruft.
Erst im Jahr 2018 erhörte ich ihn. Nach monatelanger Vorbereitung (mehr als 2.500km im Halbjahr) starteten der ebenso rennradbegeisterte Rüdiger und ich kurz nach dem offiziellen Ende der diesjährigen Tour de France ins Abenteuer der französischen Alpen. Es sollte unvergessen werden.

Alp d‘Huez (1.860m, 13km Anstieg von Bourg d‘Oisans) 29.7.2018

Legendäre Bergankunft, mondäner Wintersportort oder hässliche Retortenstadt, die es nur aufgrund geschickter PR-Maßnahmen zu Weltruhm schaffte? Die Wahrheit dürfte, wie so oft, irgendwo dazwischen liegen.
Fakt ist, dass der klassische Süd-Anstieg beginnend in Bourg d‘Oisans zu einem Klassiker der Radsportgeschichte gehört. Jeder ambitionierte Hobby-Rennradfahrer will diesen Pass einmal im Leben erklommen haben. Dass dieser nicht zu den schönsten und auch nicht zu den schwersten gehört, ist dabei nicht weiter erwähnenswert. „Alp d‘Huez“ – muss mehr gesagt werden? Hat man nämlich die ersten drei Kilometer hinter sich gebracht, in denen es teils Passagen mit 10% zu überwinden gilt, können die restlichen 11km dank geringerer Steigungsgrade zwischen 6% und 8%, wer dies möchte, „gemütlicher“ angegangen werden. Zur kurzen Erholung laden zwischendurch immer wieder die 21 abflachenden Serpentinen ein, deren Kehre Nr. 7 (unterhalb einer kleinen Kapelle) die wohl berühmteste ist, wird sie doch als „Holländerkurve“ bezeichnet – wer Live-Übertragungen aus Frankreich verfolgt, weiß weshalb.
Wer landschaftliche Leckerbissen, Mondlandschaften oder spektakuläre Aussichten erwartet, ist hier leider verkehrt, der Berg lebt von seinem Mythos. Als besonders reizvoll empfand ich, dass auf dem Asphalt noch die aufgemalten Anfeuerungsrufe der vergangenen Tour de France Etappe zu sehen waren (fast als würde man inmitten jubelnder Menschenmassen hochfahren) und die Steilwände in den Serpentinen mit diversen Trikots geschmückt waren. So kommt beinah ein Hauch von echter Rennathmosphäre auf😉
Und noch eine allerletzte Anmerkung am Rande: Am Anstieg nach Alp d‘Huez kann es durchaus vorkommen, dass Autofahrer hupen. Verfallt nicht in deutsche Ressentiments. Gehupt wird nämlich nicht um anzuzeigen, Platz machen zu müssen, sondern zur Motivation und Respektsbekundung! Winkende Kinderhände auf den Rücksitzen bestätigen diesen Eindruck. Also lasst euch hochziehen und spürt das Tour-Feeling✌ Streckenprofil
Los geht's Los geht's
Shut up legs! Shut up legs!
Tour de France Feeling Tour de France Feeling
21 geile Serpentinen 21 geile Serpentinen
Ganz oben Ganz oben 🔝
Dafür lohnt es sich Dafür lohnt es sich 😬

Col de la Madeleine (1.991m, 19km von
La Chambre) & Lacets de Montvernier (750m, 4km von Pontamafrey) 30.7.2018

Ein grandioser serpentinenreicher Aufstieg und ein fader, unangenehm zu fahrender Pass. Die Rollen scheinen ganz klar verteilt zu sein. Hier der fest im Tourprogramm verankerte Col de la Madeleine und dort der Newcomer am Montvernier, den niemand auf der Rechnung hat. Doch es ist nicht der Madeleine, für den das ausgesprochene Lob gilt, es ist der Außenseiter, der als vorgelagerter Anstieg des Col du Chaussy, eine außerordentlich gute Figur abgibt! Der knapp 4km lange und mit 300Hm versehene Anstieg ins kleine Dörfchen Montvernier ist ein wahrer Leckerbissen für Serpentinenfetischisten und Landschaftsliebhaber. Die kurvenreiche Strecke ist quasi parallel zum Steilhang aus dem Fels gesprengt worden und zählt zu den spektakulärsten Anstiegen. Der Anblick des fast senkrecht aufragenden Hangs ist eine Mischung aus Mulmigkeit und Glücksgefühlen. Ich kann jedem nur empfehlen diesen kurzen, aber knackigen Anstieg in sein ganz persönliches Programm aufzunehmen.
Komplett unterschiedliche Vorzeichen gelten für den Madeleine. Zwar gibt die Passhöhe bei klaren Tagen den Blick auf die Südseite des Mont Blancs frei, doch ist dies das einzige nennenswerte Highlight. Denn alles was einen schön zu fahrenden Pass ausmacht, habe ich hier vermisst: Die Straße ist Durchgangsstraße zwischen dem Maurienne- und dem Isère-Tal und daher relativ stark befahren (Auffahrt von Süden, La Chambre), die Aussichten sind durch viele Bäume eingeschränkt und das Passplateau ist kein spitzer Kegel, von dem auf umliegende Gipfel (bis auf den erwähnten, aber weit entfernten Mont Blanc) oder das darunterliegende Tal geblickt werden kann, sondern eine recht flache Erhebung, auf dem größtenteils Grünflächen und ein Cafe zu sehen sind.
Bei erneuter Planung, würde ich den Madeleine aus dem Programm streichen und lieber dafür einen der vielen anderen umliegenden Pässe ( Col du Glandon, Col de la Croix de Fer, ...) ins Portfolio aufnehmen. Streckenprofil
Ganz hinten: Der Mont Blanc In der Ferne der Mont Blanc
Obligatorisches Gipfelkreuzfoto Mehr oder weniger gelungenes Gipfelkreuz 🙈
Zum Lacets de Montvernier Zum Lacets de Montvernier
Nicht von schlechten Eltern Nicht von schlechten Eltern
Völlig ungestellt Völlig ungestellt 😂
Für Serpentinenfetischisten Für Serpentinenfetischisten ✌

Col du Galibier (2.645m, 35km von St. Michel de Maurienne) via Col du Telegraphe (1.566m) 31.7.2018

Episch, monumental, brachial. Der fünfhöchste asphaltierte Pass der Alpen vereint all diese Attribute. Es sind nicht die Steigungsraten, die einen die letzten Körner abverlangen und es ist auch nicht der Asphalt, der einen zur Weißglut bringt. Es ist die briachale Länge des Anstiegs, die mit dem vorgelagerten und ebenso bekannten Col du Telegraphe, sich auf eine Gesamtlänge von 29km summiert, gepaart mit der monumentalen Hochgebirgslandschaft, die einem im wahrsten Sinne des Wortes den (aller)letzten Atemzug raubt. Der Anstieg hoch zum Galibier gehört daher für mich zweifelsohne zu den schönsten alpinen Pässen, die ich je gefahren bin.
Von St. Michel de Maurienne zum Telegraphe benötigte ich ca. genau 1h, weiter von Valloire zum Galibier ganz genau 1,5h. Viel Zeit, in der man darüber nachdenken kann, wieso man sich eigentlich dieser Tortur aussetzt. Warum liege ich nicht entspannt am Strand? Worin liegt der Reiz seinen Körper an die Grenzen zu bringen? Während man so über diese Dinge nachdenkt, perlt ein Schweißtropfen von der Nasenspitze auf den Asphalt. Aus den Augenwinkeln wird die nächste Serpentine erspäht. Die Konturen eines voraus fahrenden Rennradfahrers werden immer sichtbarer. Rhythmische Bewegungen begleiten sein Tagwerk. Auch er schnauft. Man ist nicht allein. Die Landschaft, die sich nun mit steigender Höhe immer mehr ins Karge verändert, gibt den Blick auf tiefe Täler, schroffe Felsen und die voraus liegenden Passagen frei. Ein Adler kreist königlich mit weit ausgebreiteten Schwüngen über die Landschaft und sucht nach einfacher Beute. Vielleicht einen erschöpften Rennradfahrer…? Er wird doch wohl nicht? Nein, diesen Gedanken verwische ich schnell. Ich fange mich wieder und weiß nun die Antwort. Wer einmal aus eigener Kraft die Passhöhe vom Galibier oder der eines anderen Passes erreicht, weiß es: Es ist die Andersartigkeit zum Alltag, die Einzigartigkeit des Moments, der Stolz auf die eigene Leistung. Man wächst mit seinen Aufgaben.
    Noch einige praktische Ratschläge:
  • Auf der Passhöhe vom Telegraphe könnt ihr eure Wasserflaschen kostenlos auffüllen. Gleich am Ende der Steigung befindet sich ein kleines Cafe mit vorgelagerter Frischwasserstelle.
  • Gebt auf der Abfahrt acht. Gerade der allererste Kilometer runter von der Passhöhe hat es in sich! Gefälle von über 10%, der Körper nach dem Verweilen auf der Passhöhe noch kalt und die Gedanken noch weit weg, verlangt doch dieser Abschnitt die höchste Konzentration. Hinter mir erwischte es einen Engländer, der aus der Kurve flog und hart auf den Asphalt knallte:/ und mit Schürfhänden an Hand und Schulter die weitere Fahrt schmerzhaft bestreiten musste. Also seid hier besonders vorsichtig.
Streckenprofil
Auf geht's Auf geht's
Gib alles! Gib alles!
Atemberaubend Atemberaubend
Ein weiter Weg bis ganz nach oben Ein weiter Weg bis ganz nach oben
Unterhalb der Passhöhe Unterhalb der Passhöhe - der Schlusssprint beginnt
YES ! YES !

Fazit

Training, Training, Training. Ansonsten wird eine solche Tour zur Quälerei. Fangt flach an, arbeitet euch in der Kilometerzahl nach oben und baut erst nach und nach Bergetappen ein. Die Anzahl der Höhenmeter ist nicht so entscheidend, wie die Grundsteinlegung in der Grundlagenausdauer – zumindest im Hobbysportlerbereich, in dem sich die meisten wohl bewegen werden.
Und ansonsten gilt: Genießt die wunderbare Landschaft sowie die einzigartigen Momente mit euch, dem Anstieg und dem Rad. Vergesst dabei nicht die französische Esskultur. Denn ein trainierter Körper kann nur so viel leisten, wie ihm gutes zugeführt wird – und die Franzosen wissen wie man das tut;-)
Ansonsten bleibt nur zu sagen: Ich würde es jederzeit wieder tun!